Der große Schwarm

Crowdinvesting, Familiendarlehen, Kredite von Geschäftspartnern: Unternehmer, die sich unabhängig von ihrer Hausbank finanzieren wollen, setzen auf das Engagement privater Investoren. Doch nur wer sich gut vorbereitet, kann die Geldgeber für sich gewinnen.

Matti Niebelschuetz will expandieren. Der 28-Jährige ist Gründer des Berliner Unternehmens My Parfum. Er bietet Kunden die Möglichkeit, sich individuell ihren eigenen Duft zusammenzustellen – im Onlineshop sowie in stationären Geschäften. In den kommenden Monaten plant Niebelschuetz, den Vertrieb zu erweitern und in Kooperation mit Parfümerien ähnlich einem Shop-in-Shop-System seinen Service anzubieten. Um seine Expansionspläne zu finanzieren, hat er um private Geldgeber auf der Internet-Plattform Companisto.de geworben. Die privaten Anleger konnten schon mit fünf Euro einsteigen. Es waren aber auch genauso Investments von 10.000 Euro und mehr möglich.

So wie My-Parfum-Gründer Niebelschuetz versuchen kleine und mittelständische Unternehmen zunehmend, ihre Pläne ohne das Zutun ihrer Hausbank zu finanzieren. Denn die gibt sich oft genug nicht sehr freigiebig. Der Grund: Zahlreiche Mittelständler haben keine Eigenkapitalquoten von 30 Prozent oder sogar höher vorzuweisen. Dies zeigt auch die aktuelle Creditreform-Umfrage „Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand“: Gerade einmal jeder vierte Betrieb (25,9 Prozent) verfügt über eine Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent. Fast genauso viele Firmen (24,2 Prozent) müssen mit 20 Prozent oder weniger auskommen und rund ein Drittel (31,3 Prozent) zählt mit einer Eigenkapitalausstattung von weniger als zehn Prozent zu den eigenkapitalschwachen Unternehmen.

Alternative Geldquellen gefragt

Dass aber hohe Eigenkapitalquoten ein wesentliches Kriterium für ein gutes Rating und einen gesicherten sowie günstigen Kreditzugang sind, bekommen Firmenchefs bei jeder Kreditanfrage zu spüren. Viele sind deshalb gezwungen, sich für leichter zugängliche und vor allem erschwingliche Alternativen zu interessieren – zum Beispiel für Darlehen aus dem Kreis der Familie oder von Geschäftspartnern. Oder für den noch recht jungen Weg des Crowdinvesting, bei dem viele Kleininvestoren über Internet-Plattformen für ein spezielles Projekt gewonnen werden.

Schwarmfinanzierung setzt sich auch in Deutschland durch. Knapp 20 Millionen Euro konnten Start-ups seit dem Start der ersten deutschen Portale im Jahr 2011 einsammeln. „Wir bewegen uns noch auf einem sehr niedrigen Niveau, gehen aber von einer explosionsartigen Entwicklung in den nächsten Jahren aus“, erklärt Rainer Schenk, Unternehmens- und Steuerberater in Berlin. Er hat sich auf das Thema spezialisiert und forscht seit mehreren Jahren zur Finanzierung übers Netz. „Aktuell besteht aber die Gefahr, dass der Staat noch regulierend beim Crowdinvesting eingreift, nachdem Anleger bereits Totalausfälle verzeichneten“, so Schenk. Allerdings liegt die Ausfallquote derzeit laut Internet-Plattform Fuer-gruender.de bei gerade einmal vier Prozent des investierten Kapitals – und damit weit unterhalb der Insolvenzquote.

„Es geht auch um Ansätze der Massenpsychologie und der kollektiven Intelligenz“, erklärt Schenk das Phänomen der Crowd-Finanzierung. So müssen die Mitglieder der Community überzeugt werden, ihr Geld bei interessanten, aber noch unbekannten Start-ups anzulegen. Keine leichte Aufgabe: Nach einer Umfrage des Bundesverbands Bitkom in Berlin sind bisher nur fünf Prozent der Anleger bereit, jungen Unternehmen Kapital bereitzustellen. Immobilienfonds, Spareinlagen oder sogar Gold kommen deutlich besser an.

Begeisterung wecken

My Parfum plante deshalb die Investorensuche von langer Hand – über drei Monate hinweg. „Wir haben zum Beispiel extra ein Video gedreht, um uns im Netz optimal zu präsentieren“, sagt Niebelschuetz. Außerdem stellte er einen ausführlichen Businessplan ins Internet – keine Selbstverständlichkeit für ein deutsches Unternehmen. Sein wichtigstes Erfolgsrezept: das engagierte, selbstbewusste Auftreten gegenüber potenziellen Investoren und vor allem die Bereitschaft, auch über sensible Fragen offen zu diskutieren. Letzteres bringt allen Beteiligten einen Gewinn: „Unsere Kapitalgeber entwickeln häufig Ideen, die wir nutzen können, und diskutieren mit uns die aktuelle Entwicklung“, erzählt Niebelschuetz.

„Erfahrungsgemäß zeigt eine bestimmte Gruppe der Mittelschicht eine erhöhte Bereitschaft, über Plattformen im Internet in Unternehmen zu investieren“, so Experte Schenk. Zumeist sind es junge Männer, aber auch zunehmend mehr Frauen, die viel Zeit im Netz verbringen. Der Krankenpfleger mit einem niedrigen Einkommen ist genauso dabei wie der Chefarzt. Die Kür des geldsuchenden Unternehmers besteht darin, allen potenziellen Interessenten die Ziele und das Geschäftskonzept erfolgversprechend zu vermitteln. „Die Anleger treffen ihre Entscheidung oft aus dem Bauch heraus“, sagt Schenk. Clevere Firmenchefs wecken bei der Selbstdarstellung also Emotionen.

Teure Finanzierung

Das scheint vielen zu gelingen. Allein im vergangenen Jahr wuchs Crowdfunding um 250 Prozent. Unternehmer können zwischen verschiedenen Anbietern wählen. Beim Online-Marktplatz Deutsche Mikroinvest (DMI) waren Ende Mai zum Beispiel Beteiligungsangebote gelistet. „Wir bringen renditeorientierte Investoren mit kapitalsuchenden Unternehmern zusammen und helfen diesen bei der Finanzierung“, kommentiert Knut Haake von der DMI das Konzept. In Aussicht gestellt werden den Anlegern Ertragschancen zwischen vier und elf Prozent im Jahr bei einer Anlagefrist von bis zu fünf Jahren – für die Firmen ist diese Finanzierungsquelle also keine billige Alternative.

Dies muss auch die SMF Vertriebs GmbH in Tamm feststellen. Der Spezialist für Dachsysteme für den Automotive-Bereich bietet potenziellen Investoren einen Basiszins von 5,15 Prozent im Jahr an, der Einstieg ist schon ab 250 Euro möglich, die Laufzeit beträgt fünf Jahre. Geschäftsführer Axel Ziethe erklärt, was er mit dem Geld plant: „Wir haben ein hochflexibles Baukastensystem für ein auffahrbares Panoramadach entwickelt.“ Mit der Erprobung von Prototypen und der Serienentwicklung geht das Unternehmen im Sommer den nächsten wichtigen Schritt in Richtung Produktionsstart. Kommt das innovative Produkt an, profitieren letztendlich auch die Geldgeber von My Parfum: Ab einem Jahresergebnis von mehr als 200.000 Euro zahlt die junge Firma ihnen nochmals 11,75 Prozent Zinsen per anno oben drauf.

Alternative Familiendarlehen

Das dürfte vielen Firmenchefs zu teuer sein. Ein Darlehen aus dem Kreis der Familie oder von Geschäftspartnern kommt da weitaus günstiger. Zumal bei der Schwarmfinanzierung auch hohe Aufwendungen für Berater sowie für den Plattformbetreiber fällig werden. Diese erhalten mitunter rund zehn Prozent des Finanzierungsvolumens.

Eine Kapitalspritze aus dem Umfeld des Unternehmers bietet verschiedene Vorteile: So sind die Verhandlungspartner in der Gestaltung ihrer Verträge flexibel. Und sie können die Konditionen entsprechend den eigenen Bedürfnissen sowie den zu erwartenden Rückflüssen flexibel formulieren. Beispielsweise werden mit sogenannten partiarischen Darlehen die Investoren am Gewinn beteiligt, anstatt ihnen einen Festzins zu gewähren. Die Folge: Nur in guten Jahren werden Zahlungen fällig – eine Fremdfinanzierungsvariante, die deshalb aus Unternehmersicht besonders beliebt ist. 

Hinzu kommt: Auch die Kreditinstitute sehen es gern, wenn die Familie oder die Geschäftspartner den Firmenchef unterstützen. Schließlich zeigen die Kapitalgeber damit, dass sie vom Geschäftskonzept und der Unternehmensführung überzeugt sind. Besonders beliebt bei den Banken sind die sogenannten nachrangigen Darlehen. Dabei stimmt der Kreditgeber einem Rangrücktritt gegenüber anderen Gläubigern, wie etwa der Bank, zu. Im Falle einer Insolvenz erhält der Geldgeber nur das, was übrig bleibt. Wichtiger Nebeneffekt: Diese Darlehensvariante stärkt das Eigenkapital und verbessert mithin das Bonitätsrating der Firma – was sich wiederum positiv auf Folgefinanzierungen auswirkt.

Auch Bernd Kleinhenz konnte die Übernahme des Unternehmens Kletter-Spezial-Einheit GmbH & Co. KG in Bad Soden-Salmünster nur mit Unterstützung des ehemaligen Firmenchefs stemmen. Die Firma hat sich auf Outdoorbekleidung, -zubehör, Campingartikel und vor allem auf Produkte für Industrie- und Sportkletterer spezialisiert. Außerdem gehört das Geschäft zu den führenden Anbietern im Segment Geo-Caching. „Der Alteigentümer ist zwar gleich nach dem Verkauf komplett aus dem Tagesgeschäft ausgestiegen, gewährte mir aber – auch auf Wunsch der Banken – ein Darlehen“, so Kleinhenz. Das zahlt er jetzt sukzessive über eine Laufzeit von rund sieben Jahren zurück.

Das Geld bleibt in der Familie

Noch einfacher als fremde Dritte lassen sich in der Regel der Ehepartner, die Kinder oder die Eltern überzeugen. Vorsicht ist allerdings geboten: Das Finanzamt akzeptiert Verträge unter Angehörigen nur, wenn strenge Vorgaben eingehalten werden (siehe „Familiendarlehen – darauf achtet der Fiskus“). „Betriebsprüfer zeigen sich gegenüber Familienverträgen notorisch kritisch“, warnt denn auch Bernhard Leibfried, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer der Kanzlei KKLB in Fellbach. Der Grund: Firmenchefs erzielen Steuervorteile, weil sie die Zinsen als Betriebsausgaben absetzen können. Die Darlehensgeber sichern sich dagegen die Einnahmen.

My-Parfum-Gründer Niebelschuetz wurde von seiner Familie ebenfalls unterstützt: Als sein Unternehmen im März 2013 insolvent war, kooperierte er im Rahmen einer übertragenden Sanierung mit seinem Bruder Yannis. Die beiden kauften zusammen die Firma bei der Versteigerung durch den Insolvenzverwalter zurück – und haben nun neue Ideen und Pläne. Doch zur Realisierung benötigen sie Geld. Aber die Banken meiden das Risiko. „Die Crowd-Finanzierung war deshalb für uns die erste Wahl“, sagt Niebelschuetz. „Wir hätten keinen Kredit in dieser Höhe bekommen.“ Umso mehr Begeisterung lösten seine Online-Bemühungen aus: „Innerhalb von zehn Tagen hatten wir bereits 155.000 Euro zusammen“, so der Jungunternehmer.

Familiendarlehen – darauf achtet der Fiskus

Das Finanzamt stellt hohe Anforderungen an Kreditverträge mit Angehörigen. Auf diese Punkte müssen Unternehmer zwingend achten.
Der Vertrag: Schriftliche Vereinbarungen sind für das Finanzamt kein Muss, aber sinnvoll. Die Beamten prüfen, ob der Vertrag wirksam geschlossen wurde. Minderjährige brauchen die Zustimmung eines Ergänzungspflegers vom Vormundschaftsgericht.

Die Modalitäten: Der Vertrag ist wie vereinbart abzuwickeln. Die Konditionen – Laufzeit, Zins und Sicherheiten – sollen zwischen Darlehensnehmern und Kreditinstituten üblich sein, die Vertragschancen und -risiken insgesamt wie unter Fremden verteilt sein. Fehlen Sicherheiten, kann dies zum Beispiel ein höherer Zins ausgleichen, der allerdings nicht höher als bei einem alternativen Bankkredit liegen sollte. Das Finanzamt unterstellt sonst, dass der Unternehmer nur Steuern sparen will – und streicht den Betriebsausgabenabzug der Zinsen.

Vorsicht Schenkung: Das Finanzamt geht bei Darlehensverträgen schnell von einer verdeckten Unterhaltsgewährung oder sogar einer verschleierten Schenkung aus. Das gilt vor allem, wenn der Darlehensnehmer dem Kreditgeber das Geld zuerst geschenkt hat. Ein Tipp: Den Vertrag erst Monate nach der Vermögensübertragung schließen.

Das Risiko: Der Vertrag enthält am besten auch Klauseln für den Fall, dass der Kredit nicht mehr bedient werden kann. Entsprechend sollte er etwa mit einer Grundschuld, Lebensversicherung oder Bürgschaft abgesichert sein.

Crowd-finanzierung professionell vorbereiten

Auf diese Aspekte sollten Unternehmen, die Geld über das Internet sammeln wollen, besonders achten:

  • Die Plattform: In der Regel investieren rund 200 bis 300 Anleger in ein Projekt. Entsprechend sollte eine Community mit ausreichend vielen Mitgliedern gewählt werden. Experte Rainer Schenk empfiehlt, die Firma vor mindestens 20.000 registrierten Mitgliedern zu präsentieren. Je weniger homogen die Gruppe der Mitglieder ist, desto besser.
  • Die Referenzen: Der Unternehmer sollte sich bei bereits erfolgreichen Kapitalsammlern nach ihren Erfahrungen mit der Crowd-Finanzierung erkundigen.
  • Die Werbung: Die Firma sollte auf jeden Fall auf der eigenen Homepage auf ihr Beteiligungsangebot aufmerksam machen. Experte Schenk empfiehlt Maßnahmen, die die Besucherzahl auf der Website erhöhen, beispielsweise Rabattaktionen oder Gewinnspiele.
  • Die Fakten: Es bestehen außerhalb der Prospektpflicht noch keine rechtlichen Vorgaben, welche Informationen das Unternehmen bei der Präsentation auf der Plattform preisgeben muss. Die Experten der jeweiligen Plattform können die Firma jedoch dabei unterstützen.
  • Die Flyer: Es kann vorteilhaft sein, parallel zur Akquise im Internet zum Beispiel Flyer zu verteilen – etwa an Kunden, Lieferanten oder Kooperationspartner des Unternehmens.

Autorin: Eva Neuthinger

© 2019 Creditreform Cottbus/Görlitz Philipp KG

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